Mittwoch, 10. Januar 2007

Leere Blicke und fremde Nähe

Irgendwie seh ich mir gerne die Welt um mich herum an. Da gibt es viel zu sehen. Der erste Raureif, Sonnenstrahlen, die sich durch Blättergeäst kämpfen oder kleine meerschweinchengroße Hunde, die laut kläffend Schrebergärten verteidigen. Besonders Menschen sind interessant. Du fährst mit der U-Bahn oder dem Zug und bist augenblicklich und gezwungenermaßen mit Menschen in einem mehr oder weniger direkten Kontakt.
Menschen, die du nicht kennst, Menschen, die du vielleicht gar nicht kennen willst. Du siehst verschlossene Gesichter, manche sehen freundlich aus, manche verbissen, traurig oder leer.

Was geht in diesem Menschen vor? Was hat er bis jetzt alles erlebt, dass sein Gesicht so verbittert aussieht? War bloß ein schrecklicher Tag dran schuld oder sein ganzes Leben?
Man versucht allzu engen Kontakt so geht wie es geht zu vermeiden, weicht ständig Blicken aus und versucht eine gewisse Distanz zum nächsten einzuhalten.
Manchmal geht das aber nicht (gerade dann nicht, wenn plötzlich alle auf einmal so schnell wie möglich heim möchten). Und vielleicht kennst du dieses Gefühl, wenn ein Fremder dir einfach zu nahe kommt: Es ist unangenehm. Zuviel Nähe von Menschen, die einem fremd sind, ist unangenehm. Bei dieser Distanzzonenverletzung wird eine Art ungeschriebenes Gesetz gebrochen, eine Norm verletzt. Deshalb versucht man den Abstand wieder zu vergrößern und die Norm wieder herzustellen.
Schon interessant, wie Menschen versuchen Normverletzungen wieder zu reparieren. Dabei sind sie sehr kreativ: Manche gehen auf Angriff (empörter Blick nach dem Motto "wie können Sie nur!"), geben dem anderen verbal die Schuld (auch wenn dieser definitiv nichts für eine überfüllte U-Bahn kann), murmeln eine Entschuldigung, wenn sie jemand anderem auf den großen Zeh getreten sind oder tun so als ob nichts passiert wäre.

Interessant ist auch, dass wir Menschen bei anderen Verletzungen nicht viel anders reagieren. Wir versuchen die Verletzungen, die uns zugefügt werden, auf verschiedenste Art und Weise (ignorieren, zurückziehen, beschuldigen... etc.) wieder zu reparieren.
Aber irgendwie funktioniert das meist nicht wirklich - auch wenn Verletzungen heilen, bleiben Narben zurück.
Mein Gott ist ein Meister darin, Menschen ganz neu zu machen und zu heilen - das fasziniert mich und ich darf es erleben! Aber auch hier fällt es manchmal schwer, Nähe zu zulassen, dass er das tun kann. Denn das bedeutet, dass man seine Deckung aufgeben muss, sich damit auseinandersetzen muss und Gott an sein Herz ranlässt. In seiner Nähe werden solche Verletzungen aufgedeckt und auch das ist anfangs nicht unbedingt angenehm. Der Meister liebt es Menschen heil zu machen und ihre Gesichter zum Strahlen zu bringen. Er ist nicht fad, er ist nicht fromm, er ist kein alter Mann auf einem Schaukelstuhl im Himmel - nein, er ist lebendig, kreativ, hat Humor, ist heilig, mächtig und liebt es in unserer Nähe zu sein. Er hätte die Macht dazu, aber er drängt sich nicht auf...

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